NÜRNBERGS OBERBÜRGERMEISTER MARCUS KÖNIG IM RESONANZ-INTERVIEW: “WIR SIND ALLE NÜRNBERGER”

NÜRNBERGS OBERBÜRGERMEISTER MARCUS KÖNIG IM RESONANZ-INTERVIEW: “WIR SIND ALLE NÜRNBERGER”

MARCUS KÖNIG IM RESONANZ-INTERVIEW (AUDIO)

Herr König, Sie sind als Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg praktisch von Anfang an im Dauer-Ausnahmezustand. Auch wenn Corona nicht weiterhin das öffentliche Leben dominiert, geht eine Krise nahtlos in die nächste über. Wie entwickelt sich die Situation in Nürnberg derzeit?

König: Seit meinem Amtsantritt am 1. Mai 2020 befinden wir uns – mit kurzen Unterbrechungen – im Katastrophenfall. Erst die Corona-Pandemie, die ja noch keineswegs ausgestanden ist, auch wenn aktuell die Zahlen vergleichsweise niedrig sind; dann kam im Februar 2022 der völkerrechtswidrige Überfall auf die Ukraine hinzu. Infolge des Kriegs stehen wir vor der großen Herausforderung, die Geflüchteten aus der Ukraine – und aus unseren Partnerstadt Charkiw – in Nürnberg unterzubringen und zu versorgen. Aber es gibt eben auch noch andere Themen für unsere Stadtgesellschaft. Dazu zählt die Bewältigung des Klimawandels, der Umweltschutz, die stadt- und umweltgerechte Mobilität, der soziale Ausgleich gerade auch vor dem Hintergrund der Folgen der Pandemie und des Kriegs oder der Bau von neuem, bezahlbaren Wohnraum.

Wie viele Menschen aus der Ukraine kamen nach Nürnberg und was konnte die Stadt für die Schutzsuchenden bereits tun?

König: So ganz genau können wir das nicht sagen, da es ja für die Geflüchteten aus der Ukraine erst einmal keine Meldepflicht gibt. Zudem haben wir bereits vor dem Ausbruch des Kriegs eine sehr große Community der Ukrainer gehabt. Daher sind viele Geflüchtete zunächst einmal bei Verwandten, Bekannten oder Freunden privat untergekommen. Was wir sagen können: Beim Bürgeramt haben sich seit Kriegsbeginn im Februar 2022 bisher rund 7000 Ukrainerinnen und Ukrainer angemeldet. Noch etwas mehr Geflüchtete haben sich beim Sozialamt gemeldet. Wir gehen davon aus, dass sich aber noch nicht alle Ukrainerinnen und Ukrainer gemeldet haben, die auch tatsächlich zu uns gekommen sind.

Wir haben unmittelbar nach Kriegsbeginn am 24. Februar einen Krisenstab eingerichtet und schon in der Woche darauf ein umfassendes Hilfsangebot für die Geflüchteten geschnürt. Wichtigstes Angebot ist von Beginn an die Zentrale Anlaufstelle im Heilig-Geist-Haus gewesen. Hier waren alle wichtigen Dienststellen, aber auch Hilfsorganisationen mit medizinischer Versorgung und freiwillige Helfer unter einem Dach vereint, um den Menschen schnell und unbürokratisch helfen zu können. Wir haben aber auch sofort ein Spendenkonto eingerichtet sowie die Organisation von ehrenamtlichen Helfern auf die Beine gestellt.

Wie groß war oder ist die Hilfsbereitschaft der Nürnbergerinnen und Nürnberger?

König: Die Hilfsbereitschaft der Nürnbergerinnen und Nürnberger war und ist überwältigend. Sie stellen ​Wohnraum zur Verfügung, auf das Spendenkonto sind in kürzester Zeit über 1,5 Millionen Euro eingegangen. Hier ist auch das Engagement von Firmen hervorzuheben. Auch die Sachspenden haben sehr vielen Geflüchteten geholfen. Und die Welle der Hilfsbereitschaft ebbt nicht ab.

Ein Großteil der Geflüchteten – und es sind vor allem Frauen und Kinder – kommt bei Familien oder Freunden unter. Welche Unterstützung bekommen die Gastgeber-Familien?

König: Viele Gastgeber-Familien haben sich ebenfalls an die Zentrale Anlaufstelle gewandt mit ihren Fragen. Ihnen konnte hier und bei städtischen Dienststellen weitergeholfen werden. Wir haben für die private Wohnungsvermittlung auch ein Portal geschaffen, über das Wohnraum angeboten werden kann. Viele ehrenamtliche Helferinnen und Helfer – darunter viele mit ukrainischen und russischen Sprachkenntnissen – unterstützen die Familien und Gastgeber. Die Stadt hat mit dem Staatlichen Schulamt zudem eine Beratungsstelle für Fragen rund um das Thema Schule eingerichtet. Auch unsere Sozialverwaltung hilft bei den Themen Betreuung und Kindereinrichtungen.

Während viele Flüchtlinge möglichst bald in ihre Heimat zurückkehren wollen, werden etliche Menschen auch hierbleiben. Was kann man schon heute tun, damit eine nachhaltige Integration gelingt?

König: Wie lange die Geflüchteten hier bleiben wollen, ist derzeit schwer zu sagen. Was wir sagen können: Die Menschen aus der Ukraine sind herzlich willkommen in Nürnberg. Vieles wird davon abhängen, wie lange der Krieg dauern wird, wie stark die Zerstörungen in den Heimatstädten und –dörfern der Geflüchteten sind. Es gibt Sprachkurse für die Geflüchteten, ich habe den Bereich Schule und Kitas bereits angesprochen. Aber wir bemühen uns auch, dass Kinder und Jugendliche Kontakt zu (Sport-)Vereinen bekommen. Firmen, oder auch unser Klinikum, bemühen sich zudem, neue Mitarbeiter zu gewinnen, wenn die Geflüchteten erst einmal hierbleiben wollen.

Welche weitere Megathemen sind Ihnen Mitte 2022 wichtig?

König: Neben Pandemie und Ukraine sind das vor allem die schon erwähnten Themen Klima, Mobilität, Umwelt und Wohnungsbau. Ich freue mich aber auch – nach zwei Jahren mit wenig Begegnungen – wieder auf die vielen Veranstaltungen in diesem Jahr, bei denen ich mit den Nürnbergerinnen ​und Nürnbergern zusammenkommen kann. Sei es bei, Bürgerversammlungen, Kirchweihen oder anderen Veranstaltungen. Mir hat der persönliche Austausch mit den Menschen sehr gefehlt. Mir ist aber auch sehr daran gelegen, dass die hier lebenden Menschen aus fast 170 Nationen miteinander gut auskommen. Hier möchte ich vor dem aktuellen Hintergrund ausdrücklich auch das Zusammenleben mit der russisch-sprachigen Community in Nürnberg erwähnen. Wir sind alle Nürnberger.

Vielen Dank für das Interview!
 
Die Fragen stellte Magazin RESONANZ, Nürnberg.

15.05.2022

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