Verleihung des Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreises an Sayragul Sauytbay

Verleihung des Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreises an Sayragul Sauytbay

Oberbürgermeister Marcus König mit der Trägerin des Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreises 2021, Sayragul Sauytbay (Mitte), und Jury-Mitglied Iris Berben. Bildquelle: Christine Dierenbach / Stadt Nürnberg
Oberbürgermeister Marcus König mit Sayragul Sauytbay, Trägerin des Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreises 2021, in der Straße der Menschenrechte. Bildquelle: Christine Dierenbach / Stadt Nürnberg

Nürnberg – Sayragul Sauytbay aus China ist am Sonntag, 15. Mai 2022, mit dem Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis ausgezeichnet worden. Die Stadt Nürnberg würdigt mit der Auszeichnung der 45-Jährigen eine unermüdliche Kämpferin, die sich unter erheblichen persönlichen Risiken für die Menschenrechte von bedrohten ethnischen Minderheiten in China und besonders in der Region Xinjiang stark macht. Die 14. Verleihung des mit 15 000 Euro dotierten Preises fand im Opernhaus des Nürnberger Staatstheaters vor rund 1 000 Gästen statt. Der Preisträgerin 2021 überreichten Oberbürgermeister Marcus König und Jury-Mitglied Iris Berben, die auch die Laudatio auf Sayragul Sauytbay hielt, die Urkunde pandemiebedingt nun im Mai 2022.

„Der weltweite Vormarsch von Autokraten, von Krieg, Staatsterror, Missachtung der Menschenrechte und der internationalen Institutionen sowie Auswirkungen des Klimawandels führen zu Flucht und Exil und diese Entwicklungen legen längst auch eine Spur in unsere westlichen Demokratien“, sagte Oberbürgermeister Marcus König zur Eröffnung des von der Staatsphilharmonie Nürnberg unter Leitung des stellvertretenden Generalmusikdirektors Lutz de Veer musikalisch umrahmten Festakts. Dabei bezog er sich explizit auf die russische Invasion in der Ukraine. „Als die Demokratie vor Russlands Türen stand, reagierte das Regime mit der Brutalität eines Angriffskriegs“, betonte das Stadtoberhaupt.

König weiter: „In einer Welt der Unsicherheiten und der Konflikte ist eines gewiss: Menschenrechte und Demokratie sind keine Luxusfragen, sie sind das unverzichtbare Fundament des Friedens. Wir brauchen Menschenrechte und Demokratie für ein gemeinsames Leben in Frieden, Freiheit, Selbstbestimmung und Glück.“ Menschenrechte seien weder nebensächlich oder nachgeordnet. „Sie gelten nicht nur manchmal, nicht nur partiell, nicht nur, wenn es nichts kostet, wenn es niemanden belastet, sondern immer. Und es gibt kein Menschenrechtskonzept russischer, chinesischer oder sonstiger Prägung, es gibt nur die universell gültigen Menschenrechte.“

Die größten Impulse für demokratische Innovationen und Erneuerung gingen derzeit weitaus seltener von Regierungen als von kritischen Zivilgesellschaften aus, sagte Marcus König. „Damit ist schon angedeutet, warum Sayragul Sauytbay ausgezeichnet wird. Ihr Mut, die Menschenrechtsverletzungen in der Provinz Xingjiang anzuprangern und in die Öffentlichkeit zu tragen, bringt sie und ihre Familie in Gefahr. Ihre Erlebnisse stehen exemplarisch für das Schicksal vieler ethno-religiöser Minderheiten in China, mit Verschleppung in sogenannte Berufsbildungszentren, unmenschlicher ,Umerziehung‘ bis zu Folter und Vergewaltigung.“

Der Internationale Nürnberger Menschenrechtspreis für Sayragul Sauytbay, betont Oberbürgermeister Marcus König, sei Zeichen und Auftrag. „Er ist ein Zeichen für die Anerkennung von Mut und Zivilcourage auch unter persönlicher Bedrohung und nach eigenem schrecklichen Erleben. Er ist Auftrag für uns, Menschenrechtsverletzungen anzuprangern, egal, von welcher Regierung sie begangen werden.“

In seinem Grußwort betonte Reinhard Bütikofer, Mitglied des Europäischen Parlaments: „Wir verneigen uns vor Ihrem internationalen Engagement und ihrem persönlichen Zeugnis für die Menschenrechte. Sie sind uns ein Vorbild. Und die Stadt Nürnberg schaut nicht weg und verleiht Ihnen den Menschenrechtspreis. Dafür herzlichen Dank.“

In einem Videogruß sagte auch die Internationale Generalsekretärin von Amnesty International, Agnès Callamard: Für ihre Tapferkeit zahlte Sayragul einen hohen Preis: Sie verlor den Kontakt zu ihrer Familie, einige Familienmitglieder kamen in Lager und alle werden permanent überwacht. Amnesty international hat die radikale Unterdrückung von Hunderttausenden unabhängig bestätigt. Ich wiederhole: Hunderttausende Angehörige muslimischer Minderheiten werden in Massen interniert, gefoltert, überwacht, ihre Kultur wird ausgelöscht. Wir nennen das ,Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘.“

Weiter betonte sie: „Schweigen ist inakzeptabel angesichts derart massiver Menschenrechtsverletzungen, wie sie gegenwärtig in China verübt werden. Solches Schweigen untergräbt unsere gemeinsame Menschlichkeit und Solidarität. Genau gegen dieses Schweigen kämpft Sayragul, dagegen stellt sie sich. Mit der Verleihung des Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreises wird ihre Leistung gefeiert, und ich hoffe, das wird auch andere ermutigen, ihre Stimme gegen Gräueltaten zu erheben, denn heutzutage brauchen wir viele, viele mehr, die so tapfer sind wie Sayragul.“

In ihrer Laudatio hob Jury-Mitglied Iris Berben hervor: „Ich spreche Ihnen meine Bewunderung aus für Ihren Mut, das von Ihnen Erlebte und die Situation in Xinjiang an die Öffentlichkeit zu bringen. Als Whistleblowerin melden Sie sich öffentlich zu Wort trotz permanenter Bedrohung und der Einschüchterungsversuche der Kommunistischen Partei Chinas. Sie haben sich entschieden, nicht zu schweigen, sondern auch unter persönlichen Gefahren die Weltöffentlichkeit zu informieren“, betonte Berben. Sie hatte zuvor aus dem Buch „Die Kronzeugin“ zitiert, in der Sauytbay von ihren Erlebnissen aus den Lagern in Xinjiang berichtet, und richtete sich erneut direkt an die Preisträgerin. „Ich wünsche Ihnen von ganzen Herzen weiterhin die Kraft, die Sie brauchen und dass Ihre Wunden innen wie außen heilen können. Dass die Öffentlichkeit, die der Internationale Nürnberger Menschenrechtspreis mit sich bringt, Ihnen liebe Frau Sauytbay, vor allem auch den nötigen Schutz bietet, ihre unverzichtbare und menschliche Arbeit in Sicherheit fortsetzen zu können.“

In ihrer Dankesrede sagte die Preisträgerin Sayragul Sauytbay: „Die Verleihung dieses Preises gibt mir Kraft und neuen Mut. Sie öffnet mir Türen und gibt mir die Gelegenheit, zum Weltfrieden beizutragen! Das berührt mich sehr! Allem Druck und aller Drohungen vonseiten der chinesischen Regierung zum Trotz bin ich hierhergekommen. Ich werde weiterhin der Welt von den Schreien von Millionen von Menschen und von der Wahrheit berichten, die ich mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört habe.“ Sie mahnte eindringlich: „Der Frieden der Menschheit liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung. Wenn dieser Frieden an einem Ort der Welt zerstört wird, breitet sich diese Zerstörung nach und nach über die ganze Welt aus, wenn wir wegschauen und nicht gemeinsam helfen.“

Die Preisträgerin des Jahres 2021

Sayragul Sauytbay wurde 1976 als muslimische Kasachin in der autonomen Präfektur Ili Kazakh in der chinesischen Provinz Xinjiang geboren, die viele Turkvölker wie Uiguren und Kasachen beheimatet. Nach ihrem Medizinstudium arbeitete Sauytbay als Ärztin und leitete später als Staatsbeamtin mehrere Vorschulen. Zwischen 2017 und 2018 war sie mehrmals in einem Umerziehungslager interniert. Ethno-religiöse Minderheiten sind in China einem starken Assimilationsdruck ausgesetzt und müssen ständig mit einer Internierung rechnen. Laut Menschenrechtsorganisationen werden rund eine Million Menschen, die vorwiegend muslimischen Volksgruppen angehören, gewaltsam in Lagern festgehalten. Die Regierung bezeichnet diese als Berufsbildungszentren, in denen die chinesische Sprache, Kultur und Politik gelehrt wird. Sayragul Sauytbay berichtet von unmenschlichen Bedingungen für die willkürlich Inhaftierten. Die Verbrechen reichen von Gehirnwäsche, Folter und Vergewaltigung bis zur erzwungenen Medikamenteneinnahme.

Nachdem ihr die Flucht nach Kasachstan gelungen war, drohte Sauytbay die Auslieferung nach China, die nur durch starken zivilgesellschaftlichen Druck verhindert werden konnte. Seit 2019 erhält sie mit ihrer Familie Asyl in Schweden. In dem 2020 mit der Autorin Alexandra Cavelius verfassten Buch „Die Kronzeugin“ macht sie die selbst erlittene Folter und die Zustände in den Umerziehungslagern öffentlich. Sie ist politischer Verfolgung ausgesetzt und erhält bis heute Morddrohungen aus China.

Gemeinsam tafeln für Frieden

Im Anschluss an den Festakt begleitete Oberbürgermeister Marcus König die Preisträgerin Sayragul Sauytbay zur traditionellen Friedenstafel. Rund 4 000 Bürgerinnen und Bürger feierten hier ihre Preisträgerin. Die von der Stabsstelle Menschenrechtsbüro & Gleichstellungsstelle und dem Amt für Kultur und Freizeit der Stadt Nürnberg organisierte Veranstaltung verlief vom Kornmarkt über den Hallplatz bis zur Königstraße. Nürnbergs Bürgerschaft setzt mit der Friedenstafel seit 1999 ein Zeichen für Frieden, Toleranz und die Achtung der Menschenrechte weit über die Grenzen der Stadt hinaus. Auch in diesem Jahr gab es die Gelegenheit zum Gespräch mit Mitgliedern der Jury und vielen, die sich aktiv für Menschenrechte engagieren.


Der Internationale Nürnberger Menschenrechtspreis

Im Bewusstsein der Verantwortung, die ihr aus der NS-Zeit erwachsen ist, hat die Stadt Nürnberg als Antwort auf die Menschenrechtsverletzungen jener Jahre 1995 den Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis ins Leben gerufen. Seitdem honoriert sie alle zwei Jahre den mutigen Einsatz von Aktivistinnen und Aktivisten, die sich zum Teil unter erheblichen persönlichen Risiken für die Wahrung der Menschenrechte einsetzen. Damit will die Stadt Nürnberg einen Beitrag zur weltweiten Achtung der Menschenrechte leisten und dazu ermutigen, sich für Menschenrechte zu engagieren und diejenigen zu schützen, die sie verteidigen. Inspiriert wurde der Preis von der „Straße der Menschenrechte“, die der Künstler Dani Karavan in Nürnberg geschaffen hat.

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