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AUS PRINTAUSGABE 12|2023 (auf Bild klicken, um ePaper zu lesen)

08.12.2023

“Auf deutschen Spuren in Georgien” – eine Bildungsreise

Die diesjährige BKDR-Bildungsreise „Auf deutschen Spuren in Georgien” (24.09-02.10.2023) führte etwa 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in ein Land, in dem zu Beginn des 19. Jahrhunderts einige schwäbische Siedlungen gegründet wurden und die dort bis zur Deportation der deutschen Bevölkerung nach Sibirien und Kasachstan im Jahre 1941 existierten.

Am ersten Tag erkundete die Reisegruppe die deutschen Spuren in der georgischen Hauptstadt Tbilissi (Tiflis), besuchte in diesem Rahmen die offizielle Vertretung der deutschen Minderheit in Georgien („Einung“) und wurde von dem Präsidenten dieser Organisation, Alexander Feldmaier, herzlich empfangen. Er stellte den Gästen die Aktivitäten seiner Vereinigung vor, die vornehmlich darin bestehen, die deutsche Kultur und Sprache im Land weiterhin zu fördern und zu bewahren.

Die BKDR-Mitarbeiter, Dr. Olga Litzenberger und Artur Böpple, übergaben der „Einung“ eine Reihe an Büchern aus dem BKDR Verlag. Im Anschluss daran suchte die Gruppe die evangelisch-lutherische Kirche von Tbilissi auf, in der sich der Sitz des evangelischen Bischofs von Georgien befindet. Jelena Ilinets, Mitarbeiterin der Gemeinde, führte die Gäste aus Deutschland durch das Gebäude und stellte darüber hinaus die tägliche Arbeit und Aufgaben dieser christlichen Gemeinschaft vor. Die Wiederbelebung des religiösen Lebens in Georgien sowie der Bau des neuen Kirchengebäudes wurde erst nach dem Zerfall der Sowjetunion möglich. Die alte deutsche ev.-luth. Stadtkirche in Tbilissi war nämlich 1946 zum Opfer des religionsfeindlichen kommunistischen Regimes zum Opfer gefallen und konnte nicht an der ursprünglichen Stelle wiederhergestellt werden.

Am nächsten Tag stand der sehr bewegende Besuch des Friedhofs der ehemaligen deutschen Siedlungen Marienfeld, Petersdorf und Freudenthal (heute zu einem einzigen Ort namens „Sartitschala“ zusammengelegt) auf dem Plan. Viele alte Grabsteine aus der Zeit noch vor 1941 sind hier erhalten geblieben und zeugen vom Leben der einstigen deutschen Kolonisten in der Nähe von Tbilissi. Nach einer kurzen und emotionalen Andacht des Diakons Kurt Reinelt legten die Teilnehmer der Bildungsreise Blumen auf die alten Gräber, um der Verstorbenen und Vertriebenen zu gedenken.

Ferner besuchte die Reisegruppe die wohl bekanntesten ehemaligen deutschen Siedlungen Elisabethtal (heute Assureti) und Katharinenfeld (Bolnissi) in Georgien. Der Reisebegleiter, Prof. Oliver Reisner von der staatlichen Ilia-Universität Tbilissi, vermittelte den Teilnehmern die geschichtlichen Hintergründe und berichtete über die Bemühungen einiger Aktivisten, das deutsche architektonische Kulturerbe wiederaufzubauen und zu bewahren. Die alten Gebäude sind wichtige Zeugnisse des kulturellen Erbes der deutschen Siedler, die nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges von den sowjetischen Machthabern mehrheitlich deportiert worden waren.

Die dem Verfall preisgegebenen Häuser und das Gebäude der ehemaligen ev.-luth. Kirche, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Sporthalle umfunktioniert wurde, prägen das heutige Bild des sogenannten „deutschen Stadtviertels“ von Bolnissi. Lediglich das ehemalige Haus des Schriftstellers Immanuel Walker, der in den Siedlerkreisen durch sein Buch „Fatma“ bekannt geworden war, wurde dank einer Privatinitiative vollständig wiederhergestellt. Laut Auskunft eines Stadtvertreters bestehen allerdings Pläne für den Wiederaufbau des Kirchengebäudes, so wie es vor wenigen Jahren in Assureti geschehen ist. Die alte ev.-luth. Kirche von Assureti, in deren Kirchenschiff einigen Zeugen zufolge im Jahre 2010 noch Kühe weideten, wurde mit offizieller Unterstützung von staatlichen Behörden bis auf die Bestuhlung komplett wiederhergestellt und erstrahlt nun in ihrem alten Glanz. Sowohl die Kirche als auch der Friedhof und die Ortsstraßen hinterließen bei der Reisegruppe einen positiven und bleibenden Eindruck. Das kulturelle Erbe der einstigen Siedler wird in diesem Ort beispielhaft gepflegt und für künftige Generationen bewahrt.

Hoffnungsfroh stimmen die zweisprachigen Straßenschilder, die zum Teil mit deutschen Straßennamen versehen sind. Im Vorfeld des 200. Jahrestags der deutschen Ansiedlung (2017) wurde in Georgien ein wissenschaftliches Projekt ins Leben gerufen, um die Zahl, Lage und Bezeichnungen der Siedlungen festzustellen, ihre Architektur zu erforschen und den Zustand des baulichen Erbes zu dokumentieren. Initiiert wurde das Projekt vom Verein zur Bewahrung deutschen Kulturguts im Südkaukasus mit finanzieller Unterstützung der Staatsagentur für Kulturerbeschutz Georgiens und des deutschen Auswärtigen Amts.

Artur Böpple

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