WUNDERTIER NASHORN

WUNDERTIER NASHORN

In einer Studioausstellung zeigt das Germanische Nationalmuseum graphische Blätter mit Rhinozeros-Darstellungen aus drei Jahrhunderten

21.7.2022 – 26.7.2023

Nürnberg – Exotischer Dickhäuter, natürlicher Feind des Elefanten, sagenumwobenes Wundertier – das Rhinozeros faszinierte Europäer über Jahrhunderte. Nur wenige hatten bis weit in das 19. Jahrhundert hinein Gelegenheit, jemals ein lebendes Exemplar zu sehen. Eine Studioausstellung im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg präsentiert ab Donnerstag, 21. Juli 2022 rund 40 druckgrafische Blätter mit Nashorn-Darstellungen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, ergänzt um illustrierte Bücher und Medaillen dieser Zeit. Die zum Teil erstmalig gezeigten Exponate veranschaulichen eindrucksvoll den Wandel von der imaginierten, allein durch Beschreibungen bekannten Kreatur bis hin zum realistisch dargestellten Tier, das Künstler mit eigenen Augen gesehen hatten.

Ausgangspunkt der Präsentation ist der berühmte Holzschnitt Albrecht Dürers aus dem Jahr 1515. Auch er kannte ein „Rhinoceros unicornis“ nur aus einer schriftlichen Beschreibung. Trotzdem schuf er mit seinem Holzschnitt ein mehr als 200 Jahre gültiges Vorbild für Darstellungen des außergewöhnlichen Tiers.

Dürers „Rhinocerus“

Im Lissaboner Hafen war im Mai 1515 ein Panzernashorn als Geschenk des Gouverneurs von Portugiesisch-Indien für König Manuel I. eingetroffen. Dieser ließ das Tier in einem Schaukampf gegen seinen angeblichen Erzfeind, einen Elefanten, antreten, der beim Anblick des Gegners allerdings die Flucht ergriff. Die Nachricht von der Ankunft des exotischen Wundertiers, des ersten lebenden Exemplars auf europäischem Boden seit der römischen Antike, erreichte Nürnberg durch den Brief eines Augenzeugen, dem vermutlich eine Skizze des Dickhäuters beilag. Beides hat Dürer motiviert, dem Rhinozeros eine Zeichnung und den berühmten Holzschnitt zu widmen.

Das „Rhinocerus“ ist wohl die populärste Druckgraphik des Nürnberger Meisters und hat Europas Vorstellung vom Aussehen eines Nashorns entscheidend geprägt. Erstmals erschien in Sebastian Münsters „Cosmographia“ von 1544, dem Versuch einer Beschreibung des damals bekannten Wissens über die Welt, eine Variante von Dürers Darstellung als Buchillustration. Ihr folgten zahlreiche zoologischen Werke des 16. und 17. Jahrhunderts, wie beispielsweise das in der Ausstellung gezeigte „Thierbuch“ von Conrad Gessner aus dem Jahr 1563. Die Illustrationen dienten vielen Künstlern als Vorlagensammlung und sorgten dank hoher Auflagen für einen enormen Bekanntheitsgrad des „Rhinocerus“.

Auch die angeblich natürliche Feindschaft zwischen Nashorn und Elefant wurde in Büchern und auf Einzelblättern mit teils drastischen Kampfszenen geschildert. Mehrere Beispiele zeugen in der Ausstellung von der Popularität dieses Motivs. Andere zeigen Nashörner im Kontext biblischer Szenen. Obwohl ein Rhinozeros in der Genesis nicht explizit erwähnt wird, findet es sich auf Darstellungen des Paradieses oder der Arche Noah zwischen weiteren mehr oder minder exotischen Tieren.

Selbst als 1577, 1684 und 1739 lebende Nashörner vereinzelt nach Lissabon, Madrid und London gelangten und Gelegenheit bestand, sie zu studieren, blieb Dürers Holzschnitt vom „Rhinocerus“ weiterhin maßgebliches Vorbild. Sein Wiedererkennungswert beim Publikum wurde höher bewertet als eine realistische Abbildung des Tiers. Das änderte sich erst Mitte des 18. Jahrhunderts mit dem Nashorn Clara.

Das Nashorn Clara

Zu den bedeutendsten Objekten in der Ausstellung zählen Flugblätter, die das Panzernashorn Clara zeigen. Als Jungtier traf es 1741 in Rotterdam ein und tourte knapp 20 Jahre lang mit seinem geschäftstüchtigen Besitzer, einem holländischen Kapitän, durch Zentraleuropa. Flugblätter kündigten die Sensation an und konnten vor Ort als Souvenir in unterschiedlichen Größen erworben werden. Spätestens 1748 war das „asiatische Wundertier“ auch in Nürnberg zu bestaunen.

Die in Tierschauen gezeigten Nashörner erweiterten das Wissen über diese Spezies – nicht nur von Künstlern und Wissenschaftlern. Erst mit der weiten Verbreitung der naturtreuen Darstellungen Claras verlor Dürers „Rhinocerus“ langsam seine Vorbildfunktion.

Die Sammlung Monson

Basis der Studioausstellung bildet die Sammlung von Jim Monson und seiner Frau Isolde Monson-Baumgart, die ihre rund 500 druckgrafische Blätter umfassende „Rhino-Collection“ 2018 dem Germanischen Nationalmuseum schenkten. „Die Sammlung wurde vor etwa fünfzig Jahren zum Spaß begonnen. Meine Frau plante damals, ein Buch zu dem Thema Nashörner zu schreiben. Ich selbst begann das Projekt erst einige Jahre später ernst zu nehmen, als ich bemerkte, dass etablierte Antiquariate und Kunsthandlungen von der Bildfläche verschwanden und Möglichkeiten des Erwerbs immer seltener wurden“, erklärt Jim Monson die Entstehung der Sammlung.

Auch die Nashörner selbst sind vom Verschwinden bedroht. Schuld sind seit der Antike kursierende Mythen über die Heilkraft ihres Horns. Das Nashorn findet sich daher oft als Wappentier auf Emblemen und Etiketten historischer Apotheken, wie einige Exponate der kleinen Präsentation belegen. Bis ins 18. Jahrhundert hinein kannten viele Europäer nur das Horn des mächtigen Landsäugers – als Material oder vermeintliche Arznei. Die Studioausstellung möchte nicht zuletzt auf die gegenwärtige Bedrohung dieser faszinierenden Tierart aufmerksam machen.

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